Let the pages take you there – so spricht das Poster, so ruft das Radio ABC, so lockt es in die State Library of Brisbane. Die Buchseiten brachten mich heute zum Start des Brisbane Writers Festival, um die Gesichter der Autoren von Büchern wie „The Promise of Iceland“, „Five Bells“ und „The Time we have taken“ zu sehen, und um sie über Themen wie Familiengeheimnissen, Immigration und Stadtportraits reden und lesen zu hören. Brisbane Writers Festival wird voller Seiten und Perspektiven und hoffentlich auch Neuentdeckungen sein – ich werde sie aufschnappen und hier niederschreiben.

11am, State Library, Brisbane.
Die erste Veranstaltung wurde vom brillant unterhaltenden Richard Fidler geführt, der für seine Show „Conversations with Richard Fidler“ auf ABC regelmäßig Interviews führt. Er hinterfragte die Geheimnisse der amerikanischen Autorin Anita Shreve, die über „The Pilot’s Wife und ihr neustes Buch „Rescue“ sprach, und des australischen Reiseautors Kari Gislason, der in seinem autobiografischen Buch „The Promise of Iceland“ über enthüllte Geheimnisse schreibt. Fidlers Fragen entlockten Antworten aus den fiktiven und wahren Welt der Autoren – und versuchten letztendlich eines aufzulösen: Wer besitzt Familiengeheimnisse?

Anita Shreve begann ihre Karriere als Journalistin, und ihr Schriftstellerdasein als Geheimnis. Selbst heutzutage spricht sie nicht über Romane, die noch im Entstehen sind, und verrät weder Titels noch den Inhalt: „I like to keep the fizz in the bottle“, beschreibt sie ihre heimliche Schreibweise äußerst treffend und packt ihre Schreibweise mit dem Ausdruck, sie sei ein „closet writer“, in die Schublade des einsamen, nächtlich schreibenden Schriftstellers. Ganz anders ihre Arbeit als Journalistin, in der sie nur über Tatsachen schreiben durfte. „You can tell truth more easily in fiction“, sagte sie interessanterweise. Die Wahrheit mit der Grundlage von Emotionen und tieferen Schichten, die sie als Journalistin nicht beweisen – als Autorin allerdings fühlen und beschreiben kann. Sie schrieb „The Pilot’s Wife“, das von einem Piloten handelt, der zwei Familien gleichzeitig in unterschiedlichen Ländern hat und die eine nichts über die andere weiß. Nach Veröffentlichung bekam sie Hunderte von Briefen – von Frauen, denen es so ähnlich ergangen sei. Deren Geschichten, meint Anita Shreve, klangen fiktiver als ihr Roman, obowhl sie tatsächlich passiert waren – als Journalistin hätte ihr jedoch vermutlich niemand geglaubt. Nur als Schriftstellerin kann sie solche Geschichten mit den emotionalen Schichten erzählen, und Geheimnisse zur richtigen Zeit enthüllen.

Auch Kari Gislasons „The Promise of Iceland“ bewegt sich zwischen Tatsachen und Lügen, zwischen Geheimnisse und Schweigen. Er nennt sowohl Island als auch Australien sein Zuhause, und sieht in der Isolation und dem Ausdruck, am Ende der Welt zu sein, die Gemeinsamkeiten beider Länder. Es sind entfernte, isolierte Inseln, und sein Familiengeheimnis pendelt zwischen beiden Ländern hin und her. Kari Gislasons hat eine sehr ruhige Stimme, der man einfach folgt ohne abzuschweifen, wenn er von der Bedeutung des Geschichtenerzählens in Island spricht. Isländer seien besessen von ihren Geschichten und ihrem Land, und immer würden sie zurückkommen. So kam er auch nach Jahren zurück, um seinen Vater und letztendlich seine Halbgeschwister kennenzulernen, und das große Familiengeheimnis um die fünfjährige Affäre seines Vaters mit seiner Mutter zu lüften. Seine Mutter und er nahmen das Geheimnis mit sich nach Sydney. Während sie um die halbe Welt reisten, klang der Gedanke der Mutter im Hinterkopf: „going somewhere else was coming home“. Für Kari Gislasons wurde das Zurückkommen zum Zuhause: zurück nach Island zu kommen und wieder zurück nach Australien zu kommen.

Wer besitzt Familiengeheimnisse nun? Und sollte man Geheimnisse vor den Menschen, die man liebt, haben? Sowohl Anita Shreve als auch Kari Gislasons entwanden sich dieser Frage, und beantworteten mehr die Frage, wie gut man jemanden kennen – und demzufolge vertrauen – kann. „You can never completely know somebody.“, sagte Anita Shreve, „You are the owner of your own thoughts.“ Dies mache manche Gedanken unausgesprochen sicherer und harmloser. Auch Kari Gislasons fokusierte auf die Einsamkeit und das gleichzeitige Gefühl der Zugehörigkeit, wenn man sich „alone in communities“ fühle. Sie schienen sich um das große Geheimnisse des vollständigen Wissens über eine Person oder eine ganze Familie in Gedanken zu drehen. Dabei wollte Fidler das Gespräch nur zurück zu den Familiengeheimnissen führen. Und die sind letztendlich wohl doch abhängig von der Größe und den Tatsachen, die entscheiden, ob sie erzählt werden sollten oder ob sie eine andere Familie an einem anderen Ort im Unklaren lassen sollten.

Zum Nachhören hier entlang: Conversations with Richard Fidler

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