Ich husche von einer Veranstaltung des Brisbane Writers Festivals zur nächsten, höre Lesungen, Gespräche und Kommentare – und verfolge doch nur eine Frage: Wie schreiben Schriftsteller? Und suche damit eigentlich nur eine Schriftstellerseele, in der ich meine eigene kleine Schreibrolle wieder erkennen könnte – und ein bisschen Motivation und Inspiration finde. Heute gehört und gesehen: Ann Patchett und Gail Jones.

Ann Patchett ist lustig und erzählt im lockeren amerikanischen Stil eine Geschichte nach der anderen. Beinahe scheint sie die typische Chick-Flick-Autorin zu sein, die Eat Pray Love auf ihrer Leseliste hat (Hat sie). Ein wenig gegensätzlich, aber ziemlich beeindruckend fand ich ihre Schreibmethode, mit der beispielsweise ihr wunderbares Buch Bel Canto entstand. Es gewann 2002 den Orange Prize und handelt hauptsächlich von einer Kidnappung in Südamerika, doch die präzise Darstellung des Dolmetschers blieb mir am längsten im Gedächtnis. Auf Grund seines ständigen Übersetzens steht der Dolmetscher immer zwischen den Gesprächen – und kann nie wirklich selbst daran teilnehmen. Bel Canto sei wie jedes andere ihrer Buch, sagt sie selbst. All ihre Bücher würden von einer Gruppe von Fremden handeln, die in einer Extremsituation aufeinandertreffen. So wie der Rest der Weltliteratur, die fremde Menschen an einem Ort aufeinandertreffen lässt und schaut, was passiert. Ist das nicht auch der Lauf des wirklichen Lebens?
Ihre Schreibmethode: sehr exakt und sehr gut recherchiert. Ann Patchett liebt die Recherche und verliert sich gerne ganz darin, um nicht mit dem Schreiben anfangen zu müssen. Denn Anfänge seien die Schwersten. Doch glücklicherweise haben auch Schriftsteller ihre Tricks, um doch ganze Romane in die Bücherregale zu bringen, und so beginnt sie die Recherche erst nach der Hälfte des Buches und füllt es einem soliden Hintergrund von Tatsachen. Dabei schaut sie auch schon mal einer Geburt im Amazonas zu, und verändert den Textabschnitt, in dem der Doktor zuvor die Wunde in einer schön geraden und eleganten Linie zugenäht hatte – und nach einiger Erfahrung das ganze nun grober gestaltet. Ihre Leidenschaft für das Recherchieren, das sich wie ewiges Studieren anfühlen würde, führt nicht nur zu großartigen Romanen, sondern auch zu Essays. Sie schreibt sie ohne Probleme und gerne seitenlang – ich werde mich auf jeden Fall bald danach umschauen! Vor allem nach einem 50-seitigen Essay, von dem sie sprach, und in dem sie innerhalb von sechs Wochen schlicht und einfach über das Schreiben schrieb.

Gail Jones erzählte nicht die gleichen lockeren Geschichten, sie sprach leise, beinahe schüchtern. Doch wenn sie weitersprach, von ihrem neuen Roman Five Bells und Western Australia, wo sie aufwuchs, erzählte, schwang in der scheinbar schüchternen Stimme genug Harmonie und Sicherheit mit, dass ich ihr weiter und weiter lauschte.
In ihrer Schreibweise scheint besonders der Rhythmus laut zu pochen, und mit Five Bells wollte sie einen akustischen Roman produzieren. Es ist die musikalische Qualität, die sie in ihren Schreibstil packt, und die sie aus dem Gedicht (der Namensgeber ihres Romans, von Kenneth Slessor) holte und als Inspirationsquelle nutzte, um den Roman zu beginnen. Die Akustik ist die Lehre vom Schall, die in einer Wechselwirkung mit der Umwelt steht. Und so scheint sie einzelne Textzeilen anderer Autoren in ihren Roman einzuschreiben, die an anderen Orten anders schallen mögen. So fließt auch automatisch vieles von ihr selbst in ihre Romane, ohne dass sie es möchte. „My mind is cramped with all sorts of lines from poems“, sagt sie und lässt Gedichtzeilen wohl deswegen auf dem Schreibweg eines Romans wie Spuren liegen.
Beim Schreiben möchte sie historische Schichten aufspüren, möchte die Geschichte von The Rocks in Sydney fühlen, und austesten, wie eine Stadt von seinen Besuchern reanimiert werden kann. Wissen ist nicht alles, Gail Jones scheint zu beobachten und zu fühlen – und so findet sie es einfacher, über Sydney zu schreiben, da sie hier ein Neuling ist. Ein Neuling, die eigentlich im Busch in Western Australia aufgewachsen ist. Und genau durch diese Konfrontation der neuen Stadt sie mit künstlerischen und wachen Augen sehen und beschreiben kann.

Ich fand es spannend, beide Schriftsteller hintereinander zu hören. Erst war ich interessiert, aber doch ein wenig überfordert von der Idee, alles zu recherchieren, um der Wahrheit nur eine dünne Schicht Fiktion überlegen zu müssen. Letztendlich fand ich mich mehr in Gail Jones Worten wieder, die das Neue als Chance sieht, es besser beschreiben zu können als Personen, die Sydney in- und auswendig kennen. So reizen auch mich eher die unbekannten Plätze, um sie mit Entdeckungen und Geschichten zu füllen, als mir bereits bekannte Orte, die voller Erinnerungen sind.

Und ob man es Anpassung oder Inspiration nennt – das Leben anderer Schriftsteller und ihre Arbeitsschreibweisen sind auf jeden Fall eine der Punkte, die mich weiterschreiben lassen und mich motivieren. Und nicht nur weiterschreiben, sondern auch neue Genres und neue Stils ausprobieren lassen. Vielleicht ist die ganze Schriftstellerwelt ja doch nur ein pures Ineinanderschreiben.

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