Besonders Großstädte werden gerne mit Romanen asphaltiert. Neue Straßennamen entstehen im Verlauf des Schreibens und altbekannte Eigenschaften werden aufgefrischt. Großstädte können so herrlich bekannt sein, sobald sie einmal in Worte gepackt worden. Doch sie können auch neu geschrieben werden, bekommen neue Charaktereigenschaften und neugierige Leser, die das Haus des Protagonisten finden möchten. Wie viel Wahrheit der tatsächlichen Stadt fließt in die Romane ein? Ist sie nur ein anonymer Schauplatz oder folgt sie einer persönlichen Spur? Beim Brisbane Writers Festival sprachen drei Autoren über ihre Beziehung zu drei australischen Städten: Ashley Hay über Sydney, Nick Earls über Brisbane und Sophie Cunningham über Melbourne.

Ahsley Hays Roman „The Body in the Cloud“ handelt von dem Sturz eines Mannes von der Sydney Harbour Bridge. Dieser Sturz wird dreimal von drei verschiedenen Männern zu unterschiedlichen Zeiten beobachtet. Wichtig ist jedoch die Stabilität des Ortes, der sie alle vereint: die Harbour Bridge. Sydney wird mit einem ihrer größten Icons wieder neu präsentiert und die Brücke wird beinahe zu einem eigenen Protagonisten, der stark und stabil als Symbol Sydneys und überraschend als Schauplatz des fallenden Mannes beschrieben wird. „Reader looked at the bridge again“, sagt Ashley Hay und bezieht sich auf die E-Mails, die sie nach der Veröffentlichung ihres Buches bekam. Selbst nur eine zugezogene Sydneyerin, konnte sie die Stadt mit neuen und wachen Augen beobachten und niederschreiben. Damit gab sie Sydney eine neue Perspektive, mit der sie ein altes Wahrzeichen überraschend spannend beleuchtete.
Doch wie gut kennt sie Sydney wirklich? Sie fühlte den Drang, nach jedem Kapitel in den Bus zu springen, um ihren Roman auf Wahrheiten zu überprüfen. Sie fühlte die Verantwortung, Sydney in der Perspektive von vier Millionen Einwohnern zu schreiben. Und schrieb das Buch letztendlich aus der Distanz in Brisbane zu Ende. „It was quite liberating to imagine a version of Sydney“, meint sie. Froh war sie, nicht mehr den Zwang zu verspüren, die Stadt zu dokumentieren – sondern sie gemäß ihrem Roman neu zu schreiben. Ihr eigenes Sydney, oder die Stadt des fallenden Mannes.

Nick Earls Romane spielen alle in Brisbane, und er scheint für jedes Viertel eine andere Geschichte zu schreiben. In West End leben ein Student und ein Mediziner in einer Wohngemeinschaft zusammen, im Indooroopilly Shopping Center kaufen seine Protagonisten ein. Brisbane ist und wird der Schauplatz seiner Romane bleiben. „Why make up a city when you have one outside your window“, sagt er, und gibt beinahe eine Anleitung zum Städteschreiben: es sei viel wichtiger, sich auf die Entwicklung der Protagonisten und den Verlauf der Geschichte zu konzentrieren. Da wäre es nur einfach, die Stadt vor dem Fenster als Schauplatz zu nehmen und keine Neue zu erschaffen. Denn eine Stadt muss voller Details sein, eine ganze Straße muss mit Namen und Gerüchen und Erinnerungen gefüllt werden. Wegen diesen Details, die Brisbane zu einer exotischen Stadt mit Regenzeit, Hitze und Palmen machen, sind seine Bücher besonders bei Lesern, die außerhalb Australiens leben, beliebt. Die unbekannte Exotik reizt.
Ihm selbst, gebürtiger Ire, ist Brisbane seit seinem neunten Lebensjahr wohlbekannt. Ihn beschäftigte zu Beginn seines Brisbaneschreibens besonders die Idee des Besitzes. Seine Leser wollten die Stadt besitzen, sie wollten sie besser kennen als er und berichtigten ihn über Buslinien und Straßennamen. Doch er entschied sich für einen Blickwinkel der Stadt, der ihm selbst gehörte, und vermutlich nicht einmal einen kleinen Teil der Sichtweisen der Einwohner widerspiegelte. Aber genauso wenig könnte ein 16-jähriger Teenager alle 16-jährigen Teenager präsentieren. Nick Earl besitzt seine Version von Brisbane in seinen Romanen.

Als Sophie Cunningham gefragt wurde, ob sie ein Buch über Melbourne schreiben könnte, lehnte sie ab. Sie fühlte sich zu nah zu ihrer Heimatstadt, und ließ ihre Protagonisten gerne in Städte wie Sydney oder Los Angeles reisen. Melbourne war ihr zu nah, zu persönlich, zu bekannt. Als Melbourne jedoch den Gefahren von Buschbränden trotzen musste, kam der Beschützerinstinkt in ihr auf, der die Stadt bewahren und erhalten wollte. Wegen der Wettervorhersagen, die für die folgenden Jahre weniger Regen und demzufolge mehr Brände voraussagten. Sie wagte sich neu an Melbourne heran, sowohl als Einheimische als auch als Touristin in der eigenen Stadt. Heraus kam ein Buch, das ein Jahr im Leben von Melbourne beschreibt, und die Stadt wieder zu einem Protagonisten macht, der die vier Jahreszeiten durchlebt. Persönlich wurde es auch, und sehr beobachtend. „A book full of a lot of very specific nerdy details“, sagt Sophie Cunningham selbst darüber.
Doch die sehr persönliche Beobachtung brachte ihr negative Kritiken, besonders von der großen Tageszeitung The Australian. Sie sagt, sie hätten es nicht gemocht, dass sie ein großer Fan von Geelong Football Club sei. Andere sagen, dass sie manche Fakten falsch wiedergegeben hätte. Die Rolle des Eigentums wird laut, und doch hat auch dieses Melbourne Buch nur eine Sichtweise: die von Sophie Cunningham. Und diese brachte manch ihrer Leser zum Weinen, da sie Orte wieder erkannten, an die sie ihre eigenen Erinnerungen hatten.

Städte werden zu Protagonisten, wenn sie in Romane und Erinnerungsbücher wandern. Einwohner, unter ihnen auch oben genannte Schriftsteller, teilen diese Stadt mit vielen anderen, und beleuchten sie doch aus ihrem persönlichen Blickwinkel, die eine Stadt neu schreiben können. Neu im Sinne von: einen neuen Blickwinkel auf die Stadt fallen lassen. So können die Romane dem Leser helfen, neu und ohne eigene Perspektive in einer Stadt wie Sydney, Brisbane oder Melbourne anzukommen. Und die Schriftsteller lernen ihre eigene Stadt noch besser kennen, wenn sie die Straßen in Worte und Geschichten umwandeln. Und ich werde weiterhin Bücher mit dem Schauplatz Melbourne lesen, wenn ich nach Melbourne reise, und Bücher, die in Sydney spielen, wenn ich nach Sydney fahre. Ich bin dann mehr da. Derweil sehe, fotografiere und schreibe ich vielleicht mein eigenes Brisbane.

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