NewPhilosopher

–    Was meinst du, wieso sehnt ihr euch in Australien nach Europa und ich mich nach Australien?
–    Ich denke, ein Grund ist, dass man die Fußfesseln des eigenen Ichs aus dem Heimatort lösen kann. Wenn du woanders bist, kannst du neu anfangen. Da ist niemand, der dir beweisen kann, ob du dein wirkliches Ich bist (was auch immer das ist) oder nicht. Andere Faktoren sind natürlich Sprache und die Begeisterung, die man schneller für fremde Kulturen als für die eigene entwickelt.

So beginnt mein Kontakt mit Zan Boag, dem Herausgeber des neuen australisch-neuseeländischen Magazins „NewPhilosopher“. Eine Woche später liegt das rot-schwarz-weiße Magazin in meinem Briefkasten. Eine Brise Ideen und Intelligenz (ja, die Sehnsucht schwingt mit) von der anderen Seite der Welt! Und um es gleich vorweg zu nehmen: es ist nicht staubtrocken. Der NewPhilosopher ist bunt, auf dem Boden geblieben und hat Ideen. Hübsch anzusehen ist er auch.

130 Seiten stark ist die Erstausgabe, und steckt voller Denkanstöße, philosophischer Theorien und Ideen. Große Namen sind dabei: ein Interview mit Noam Chomsky, ein Essay von Peter Singer und eine Geschichte von Peter Carey. Sehr beeindruckend. Viele der anderen Artikel sind von Professoren australischer und neuseeländischer Universitäten geschrieben worden. Das erklärt auch die Liste der Sponsoren, hauptsächlich Universitäten, die das Magazin unterstützen.

Der Inhalt: von Identitätssuchaktionen über die große Freiheitsfrage bis hin zu Geschichten des IQ-Tests und der Überwachung. Aber auch: Porträts von Designern, Fotografen und Reisenden. Mein Lieblingsartikel handelt von einem Mann, der aus der Jura-Vorlesung ging, um Nomade zu werden. Eine Reisestory gemischt mit philosophischen Gedanken, denn ja, Philosophie ist nicht nur ein Gedankengerüst. Sie erklärt. Sie macht Sachen klar. Comics, Rezepte und eine kleine Modestrecke (die wiederum andere Ichs definiert) gibt es übrigens auch.

Magazine sind grundsätzlich von Aktualität geprägt. Geht das bei solch einem ewigen Thema wie der Philosophie? Oh ja. Denn wenn ich am Ende eines Magazins angekommen bin, blätter ich gerne noch einmal durch, schlage die Eselsohren nach, um die Themen mit ins Leben reinzuziehen und die Links im Internet nachzuverfolgen. Das klappt. Ich bin neugierig auf das Café Philosophique und auf das Buch des Nomadens Tom Cope. Und es gibt einen Philosophie-Blog? Ich tippe es bereits in den Browser…

Nur manche Artikel bleiben ein wenig in der Luft hängen. (Mindestens) zweimal bespricht ein Artikel das Ich und dass es sich nicht definieren lässt.

Today there are (…) more than thirty distinct senses of „the self“ in play in the literature – and that list is growing rather than shrinking. It’s all a bit of a mess. (Patrick Stokes, S. 25)

Der NewPhilosopher liest sich leicht und intelligent, erklärt Ideen von vergangenen und gegenwärtigen Philosophen. Nur bei manchen Artikeln wirkt es, als würde das Magazin zu stark versuchen, jeglichen akademischen Bezug zu vermeiden, um es für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Als säße jemand am Tisch, vor sich ein Bier und eine Runde diskussionsfreudiger Freunde. Er fängt an, über das Ich zu philosophieren, doch plötzlich gähnt er, streckt sich und sagt: „Ach, das ist alles nur ein Durcheinander!“. Ich hätte mir stärkere Meinungen gewünscht – oder einen zusätzlichen Infokasten, der tieferen Einblick in die Ich-Diskussion gibt.

Ansonsten ist es ein wirklich tolles Magazin geworden: eines, das zeigt, dass Philosophie richtig gut aussehen kann und dass die Welt Gedankengerüste braucht, um Sinn und Unsinn zu finden. Hier werden aktuelle Themen wie das Überwachungsdilemma angesprochen und weitergedacht. Der NewPhilosopher hat nicht zu Recht die Kaffeetasse auf dem Cover: das Magazin macht wach und kurbelt das Denken an. Nehmt selbst einen Schluck!

NewPhilospher #1

Erscheint: vierteljährlich. Nummer 2 kommt im November raus.
Kostet: 15 AUD + Versand
Gibt es bisher hier: im Abo im NewPhilosopher Onlineshop oder als Einzelheft im Magpile Store.
Link zum Heft: http://www.newphilosopher.com/.

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