Archive für Kategorie: Rezension

Gail Jones: Ein Samstag in Sydney

Jeden Tag tummeln sich hunderte, gar tausende von Menschen am Circular Quay herum. Manche sehen die Oper zum ersten Mal, andere zum zweiten Mal. Alle haben sie ihre Geschichte mit diesem Gebäude oder laufen gerade in ihre Geschichte herein. Damals, am Opernhaus. Weißt du noch?

Gail Jones hat sich für ihren Roman „Ein Samstag in Sydney“ vier Charaktere rausgepickt. Ellie sieht in der Oberfläche des Opernhauses eine Jalousie, während sie von der Zeit mit ihrem ehemaligen Klassenkameraden James träumt. James wiederum erinnert die Oper an Haifischzähne, sonst trägt er eine Tragödie mit sich herum, die ihn nicht loslässt. Die Irin Catharina vergleicht das Prachtgebäude mit Blütenblättern, in Gedanken zuhause in Irland, vor allem bei ihrem verunglückten Bruder. Und die Chinesin Pei Xing muss an gestapelte Porzellanschüsseln denken, wenn sie jeden Tag an der Oper vorbei fährt, um ihrer ehemaligen Lageraufseherin vorzulesen.

Jeder der vier Gestalten trägt die schweren Gedanken an die Vergangenheit mit sich herum. Der sonnige Sommertag täuscht, auch das weiße Opernhaus. Niemand schlendert wirklich leicht und unbekümmert vor sich hin. Sie alle versuchen klar zu kommen. Den Rest des Beitrags lesen »

NewPhilosopher

–    Was meinst du, wieso sehnt ihr euch in Australien nach Europa und ich mich nach Australien?
–    Ich denke, ein Grund ist, dass man die Fußfesseln des eigenen Ichs aus dem Heimatort lösen kann. Wenn du woanders bist, kannst du neu anfangen. Da ist niemand, der dir beweisen kann, ob du dein wirkliches Ich bist (was auch immer das ist) oder nicht. Andere Faktoren sind natürlich Sprache und die Begeisterung, die man schneller für fremde Kulturen als für die eigene entwickelt.

So beginnt mein Kontakt mit Zan Boag, dem Herausgeber des neuen australisch-neuseeländischen Magazins „NewPhilosopher“. Eine Woche später liegt das rot-schwarz-weiße Magazin in meinem Briefkasten. Eine Brise Ideen und Intelligenz (ja, die Sehnsucht schwingt mit) von der anderen Seite der Welt! Und um es gleich vorweg zu nehmen: es ist nicht staubtrocken. Der NewPhilosopher ist bunt, auf dem Boden geblieben und hat Ideen. Hübsch anzusehen ist er auch. Den Rest des Beitrags lesen »

Floundering on a German balcony table

Es ist die Abgeschiedenheit, die mich immer wieder in der australischen Literatur beeindruckt. Natürlich, die Isolation: es ist ein offensichtliches Thema in einem Land, das hauptsächlich an der Küste besiedelt ist. Doch richtig faszinierend ist immer wieder, wie sich menschliche Verlorenheit in der isolierten Landschaft widerspiegelt.

Letzte Woche las ich „Floundering“ von Romy Ash. Es handelt von zwei Jungs, die von ihrer (jahrelang abwesenden) Mutter auf einen Roadtrip mitgenommen werden; wenn nicht gar entführt. Den Rest des Beitrags lesen »

We are both laughing. It is February 1975 and the publishing house we didn’t quite realize we were starting is four weeks old. (127)

Manchmal vergessen wir, wie weit entfernt Australien wirklich ist. Natürlich: es ist auf der anderen Seite der Welt. Aber auch: es ist voller Einwanderer, die regelmäßig ihre Generationen zum einstigen Heimatland zurückzählen. Wie entfernt die australische Literaturlandschaft erst ist!

Hilary McPhee hat das Buch geschrieben, das mich wieder in die australische Literaturlandschaft reingezogen hat. Bin ich in Australien, bekomme ich die ganze literarische Geschäftigkeit mit: Magazine, Festivals, Verlage, Lesungen. Ständig wirbelt Literatur herum. Doch auf dieser Seite der Welt geht die australische Literatur immer noch verloren. So war es schon immer: australische Literatur bleibt in Australien, die Literatur der restlichen Welt wird in Kreisen weitergereicht.

„Other people’s word“ erwischt die australische Litertaurlandschaft in ihren magischsten und anstrengensten Momenten, durch die Perspektive eines unabhängigen Verlages, der in den 60ern startete. Zu dieser Zeit wurde die erste Liste australischer Literatur von Penguin zusammengestellt, Hilary McPhee arbeitete ein paar Stunden die Woche beim Literaturmagazin Meanjin und eine Generation neuer Schriftsteller schrieb sich an die Oberfläche. Die meisten blieben im Land, nur wenige schafften es auf die andere Seite der Welt.

Doch McPhee nennt die Autoren, die sie und ein ganzes Land beeindruckten. Eine neue Leseliste auch für mich, mit bereits bekannten Namen wie David Malouf und Thea Astley. Sie startete den unabhängigen Verlag McPhee Gribble mit ihrer Freundin Diana Gribble in Melbourne, als die Zeit reif war:

There was a climate of optimism and activism, and a belief in books and the power of the printed word to change things. (130)

Sie verlegten die großartige Helen Garner, die einfach in das Büro kam und sich vorstellte. Auch Tim Winton tauchte bei ihnen im Alter von 20 Jahren auf. Sie versuchten, australische Literatur nach England und Amerika zu bringen, sie zu verbreiten und ihre Autoren zu fördern. Sie bewahrten Australien in Romanen, Biografien und Gedichten, und versuchten auch den Rest der Welt daran teilhaben zu lassen. Gerne hätte ich noch mehr über ihre Freundschaft gelesen.

Eine beeindruckende Geschichte über ein Verlagshaus und seine Mitarbeiter, die nicht nur Rücken an Rücken miteinander arbeiteten, sondern diskutierten, Kaffee tranken, die Literatur lebten, für ihre Autoren kämpften. Das richtige Buch für und über die australische Verlagswelt, wenn man mehr australische Autoren auf seine Leseliste packen möchte und eine Freundschafts- und Unternehmergeschichte aus erster Hand hören möchte. Lasst uns lesereisen gehen und Australien öfters hier rüber holen. It’s worth it.

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