Gail Jones: Ein Samstag in Sydney

Jeden Tag tummeln sich hunderte, gar tausende von Menschen am Circular Quay herum. Manche sehen die Oper zum ersten Mal, andere zum zweiten Mal. Alle haben sie ihre Geschichte mit diesem Gebäude oder laufen gerade in ihre Geschichte herein. Damals, am Opernhaus. Weißt du noch?

Gail Jones hat sich für ihren Roman „Ein Samstag in Sydney“ vier Charaktere rausgepickt. Ellie sieht in der Oberfläche des Opernhauses eine Jalousie, während sie von der Zeit mit ihrem ehemaligen Klassenkameraden James träumt. James wiederum erinnert die Oper an Haifischzähne, sonst trägt er eine Tragödie mit sich herum, die ihn nicht loslässt. Die Irin Catharina vergleicht das Prachtgebäude mit Blütenblättern, in Gedanken zuhause in Irland, vor allem bei ihrem verunglückten Bruder. Und die Chinesin Pei Xing muss an gestapelte Porzellanschüsseln denken, wenn sie jeden Tag an der Oper vorbei fährt, um ihrer ehemaligen Lageraufseherin vorzulesen.

Jeder der vier Gestalten trägt die schweren Gedanken an die Vergangenheit mit sich herum. Der sonnige Sommertag täuscht, auch das weiße Opernhaus. Niemand schlendert wirklich leicht und unbekümmert vor sich hin. Sie alle versuchen klar zu kommen.

Was auch immer mitschwebt, im ganzen Buch, ist die Musik.

„In uns allen schlummert eine innere Musik“ (S. 50), sagt Pei Xings Vater zu ihr, als sie noch ein Mädchen ist. Und das ist die große Kunst dieses Romans: die innere Melodie, die niemand sonst hört. Die Trennung der inneren Gedanken von den äußeren, sonnigen Umständen. Die Charaktere befinden sich an mehreren Orten gleichzeitig: Die Vergangenheit in Gedanken, Sydney als Kulisse und die Kunst als Verstärker.

Alle flüchten vor ihrer Vergangenheit, doch was nützt die Flucht in Gedanken? Da kommt die Kulisse ins Spiel, Sydney selbst. Nur die Stadt hat die Macht, die Personen von ihren Gedanken an die Vergangenheit abzulenken. Und die Kunst an sich, nicht nur die Musik, sondern auch die Literatur und die Malerei. Pei Xing ruft sich Doktor Shiwago in Gedanken, James versucht sich selbst besser durch den belgischen Maler René Magritte zu verstehen.

„Ein Samstag in Sydney“ verdeutlicht auch noch einmal, wie viele Menschen sich um das Opernhaus tummeln können. Dass das nicht nur eine Masse ist, sondern dass etliche Geschichten dahinter stecken, und kaum ein Bruchteil miteinander in Kontakt kommt.

In ihrer Klasse waren achtundzwanzig Schüler, achtundzwanzig Körper und achtundzwanzig innere Welten, aber James konnte sich nur Elli als ihm ähnlich vorstellen, oder als auf eine Weise unähnlich, die er beinahe verstand .(S. 90)

Treffen sich Ellie und James wie in guten alten Zeiten, oder sind die schon vorbei? Sieht Catharina ihre neue Stadt Sydney mit anderen Augen, weil sie ständig an ihren Bruder Brendan denken muss? Und kann Pei Xing der Vergangenheit mit dem chinesischen Militär ganz vergeben?

„Five Bells“ im Original

Als Gail Jones vor zwei Jahren beim Brisbane Writers Festival über „Five Bells“ – wie ihr Buch im Original heißt, was sich auf das Gedicht von Kenneth Slessor bezieht – sprach, erwähnte sie, dass die aus Perth stammende Autorin versucht hatte, Sydney als Touristin neu zu erkunden. Das merkt man. Es sind Beobachtungen, die ganz klar Sydney zeigen und streifen, aber leider nur streifen. Es sind kaum überraschende Eindrücke zu finden, Details, bei denen ich den Kopf hob und mich zaghaft erinnerte. Die gewählten Orte sind offensichtlich.

Das macht es allerdings auch verlockend zu lesen. Jeder, der einmal in Sydney war, hat seine eigenen Geschichten des Opernhauses, des Mrs Macquarie’s Chairs, der Fähre, des Digeridoospielers am Circular Quay. Und während ich den Roman las, waren es nicht mehr vier, sondern fünf Personen. Eine, die die anderen Personen beobachtete und gleichzeitig die eigenen Spuren suchte, und sich fragte, ich mich fragte, wann ich wohl wieder mal in Sydney sein werden.

 

Soundtrack zum Buch

Als kleines Extra habe ich den Soundtrack zum Buch zusammengestellt, ein Mix aus Coldplay, Bob Dylan und Vivaldi. Bei all den Anspielungen (im wahrsten Sinne des Wortes) war das zu verlockend. Könnt ihr bei 8tracks anhören.

„Ein Samstag in Sydney“ bei Nautilus

Gail Jones: Ein Samstag in Sydney. Erschienen bei Nautilus.
256 Seiten. Dt. Erstausgabe, geb. mit Schutzumschlag. 24 €.

Lest es selbst, um das Sydney der vier Charaktere zu erleben. Vielleicht sogar euer eigenes Sydney, egal, ob schon bekannt oder noch unbekannt. Das schön gestaltete Buch ist im August beim Verlag Nautilus auf Deutsch erschienen. Ihr bekommt es direkt auf der Webseite von Nautilus.

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